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5 Kunstgriffe um Recht zu behalten

“Denken können sehr Wenige, aber Meinungen wollen Alle haben”. Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb Arthur Schopenhauer das Werk Die Kunst Recht zu behalten, welches noch heute an Universitäten verwendet wird. Dabei ließ er sich inspirieren von Seneca und Aristoteles. Die 38 Kunstgriffe in seinem Buch sollten als Allgemeinbildung beachtet und von jeder zielstrebigen Person gelebt werden.

Hintergrund

Auf das Buch bin ich bereits vor Jahren aufmerksam geworden, habe es allerdings nie gelesen. Erst kürzlich hat mich ein französischer Film namens Die brillante Mademoiselle Neïla dazu animiert mir das Buch genauer anzuschauen. Ich kann diesen Film sehr empfehlen. Darin kommt dieser typische französische Charme vor. Es geht um eine junge Studentin an einer Pariser Universität und ihren zynischen Rhetorik-Professor. Zwei Dickköpfe prallen aufeinander. Im Film durchlaufen sie in einer Art Mentorenprogramm die Kunstgriffe von Schopenhauer.

Die brillante Mademoiselle Neïla – Trailer

Eristische Dialektik

Die Dialektik bezeichnet Arthur Schopenhauer als Regelwerk und das Führen eines Streitgesprächs, dem Disputieren. Dabei werden die Beziehungen in 2  Bereiche eingeteilt.

  1. ad rem: auf die Sache bezogen
  2. ad hominem: auf die Person bezogen

Zusätzlich gibt es noch ad personam, wenn es persönlich werden muss. Zu diesem der Kunstgriffe solltest du nur greifen, wenn nichts anderes mehr funktioniert. Willst du das Publikum mit einbeziehen, argumentiere ad auditores. Hier spielt man seine Autorität bei den Zuhörern aus. Bei ad populum basiert das Argument auf gelebter Praxis.

Argumente parieren

Beim Widerlegen auf Thesen kann man direkt oder indirekt vorgehen. Dabei handelt es sich um 2 grundlegende Strategien. Die direkte Widerlegung konzentriert sich alleinig auf die Aussage des Gesprächsgegners. Dabei will man einfach zeigen, dass es sich nicht um die Wahrheit handelt. Angreifen kannst du dabei die Ziele und die Gründe einer These.

Die indirekte Widerlegung teilt sich in Apagoge und Instanz. In der Apagoge sucht man nach einer Aussage, die in Verbindung mit dem Gesagten steht. Die gefundene Aussage ist allgemeingültig falsch und widerlegt augenscheinlich das ursprünglich Gesagte.

In der Instanz wendet man die These auf ein beliebiges spezielles Beispiel an. In der Anwendung stellt sich die Feststellung als falsch heraus und dieser Eindruck färbt auf die gesamte Behauptung ab. Damit muss diese dann auch falsch sein.

Platz 5: Homonymie

Anders als das Synonym, welches zwei Worte für denselben Begriff verwendet, werden beim Homonym zwei Begriffe für dasselbe Wort benutzt. Stellt dein Gegner eine gewisse Behauptung auf, dann denkst du dir einen anderen Begriff dafür aus. Dieser Begriff hat allerdings nichts mit der These zu tun. Am Ende wird die “nicht in der Rede stehende“ Sache objektiv widerlegt und die initiale Behauptung ist somit falsch.

Ein gutes Beispiel ist die Verletzung der persönlichen Ehre, wobei hier eigentlich die ritterliche Ehre gemeint ist. Das Wort “Ehre” wird erweitert auf bürgerliche Ehre und dann auf den guten Namen. Man hat einfach die Streitfrage verändert (mutatio controversiae).

A == B [== C]
A == C
Widerlegung durch A != C, dann ist A != B.

Platz 4: Versteckte Postulierung

In diesem der Kunstgriffe wird die eigene Strategie hinter verschiedenen Kniffen versteckt. Dabei nennt Schopenhauer 4 Arten dieses Verdeckens: 

  1. Nenne die Streitfrage unter einem anderen Namen
  2. Das Strittige wird ganz allgemein bezeichnet
  3. Wenn sich in der Argumentation 2 Möglichkeiten ergeben, wähle immer die Variante die nicht bewiesen werden muss
  4. Musst du deine Argumente allgemein beweisen, reduziere dein Vorgehen auf Details

Platz 3: Theorie vs. Praxis

Diesen Kunstgriff kann man auch als “gelebte Praxis” bezeichnen. Eine These ist in der theoretischen Darstellung absolut richtig. In der Praxis wird diese Theorie regelmäßig widerlegt. In der Konsequenz ist die Theorie falsch. Es wird sich auf das Ziel konzentriert.

Platz 2: Höfliche Inkompetenz

Wenn du nichts gegen die These deines Gegners vorzubringen hast, arbeite mit feiner Ironie für Inkompetenz. Will man diesen Kunstgriff einsetzen, dann setzt es höhere Autorität gegenüber dem Gegner voraus. Das Publikum ist in diesem Fall das eigentliche Werkzeug. Aussagen wie: “das übersteigt meine schwache Auffassungskraft” schwächen gewichtige Argumente deines Gegners ab. Ein guter Konter könnte so aussehen:

Bei Ihrer Auffassungsgabe und Kenntnis muss es an meiner schwachen Vorstellung liegen.

Arthur Schopenhauer – Die Kunst Recht zu behalten

Bester Kunstgriff: Falscher Vordersatz

Du kannst deine These durch einen falschen Vordersatz beweisen. Stimmt der Gegner dem zu, weil er einen Sieg wittert, bist du auf dem richtigen Weg. Widerlege diesen Vordersatz durch ein leichtes Argument. In Folge dessen wird deine originale These ebenfalls zur Wahrheit führen. Hier handelt es sich um einen Bezug ex coressis zum Vordersatz. Der Kerngedanke ist, sich auf die Denkweise deines Gegners einzustellen.

Wie du merkst, kann ich das Buch Die Kunst Recht zu behalten sehr empfehlen. Selbst mit parallelen Notizen ist das Buch an einem Nachmittag durchgelesen und bleibt lange im Gedächtnis. Du musste nicht jede der Strategien im Kopf behalten. Besonders die kaum bekannten Kniffe sind sehr wertvoll. Auch hilfreich sind die Hinweise zu persönlichen Angriffen gegen die eigene Person (ad personam).

Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen und freue mich auf Feedback.

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